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Was hat Athlet:innen-Dasein mit öffentlichem politischen Protest zu tun?

  • mathiskleinschnitt
  • 4. Juni
  • 5 Min. Lesezeit

 

Eine Frage, oft als Aufforderung formuliert, taucht verstärkt bei internationalen Sportgroßveranstaltungen auf: Die danach, wie politisch Sport sein kann oder muss im Sinne der Positionierung einzelner Athlet:innen oder ganzer Mannschaften bei internationalen Wettkämpfen. Richten wir kurz den Blick auf ein paar Beispiele:

Wenn wir zurückdenken an die Olympischen Spiele in Sotschi (Russland, 2014), die Olympiade in Beijing (China, 2008), die Fußball-WM in Katar (2022) oder auch die in 2026 stattfinde Fußball-WM in USA-Mexiko-Kanada (also mit der aktuellen Trump-Administration einschließlich ihrer repressiven Politik in USA). Wenn wir an diese ausrichtenden Staaten denken und welche repressiven politischen Grundsätze in ihnen geherrscht hatten/herrschen, dann mag der Impuls entstehen, dass gerade dort und dann auch von Spitzensportler:innen Haltung gezeigt werden müsste. Jedoch: Kann ich als Athletin die Kraft aufbringen mich zu positionieren, wenn ich unter Umständen gerade unter dem Druck stehe, dass ich mich in der (letzten) potenziellen Leistungs-Phase meiner begrenzten Spitzensport-Karriere befinde?[1] Oder Repression in meinem Herkunftsland erwarten muss - wie etwas iranische Sportler:innen?[2]

 

Auf die Frage, ob sich Athlet:innen positionieren sollten/müssten, möchte ich explizit keine Antwort geben, sondern die Komplexität dieser Frage aufzeigen. Ich denke jedoch, dass mensch niemanden aus der Sportbranche (Athlet:innen, Funktionär:innen, Verbände usw.) daraus entlassen kann, sich dieser Frage zu stellen, denn dafür ist Profisport zu präsent im Alltag, in den Medien, als Inspiration, als Wirtschaftsfaktor. Und die Vernetzungen und Abhängigkeiten zwischen Politik, Sport und Gesellschaft gehen noch weiter, schauen wir z.B. in die Sportstrukturen hinein (Vereine, Spitzensportförderung, Kader, usw.). Zudem haben internationale Sportwettkämpfe nicht nur eine Strahlkraft als jeweils individuelle und darüber hinaus auch „nationale“ Repräsentation[3], sondern auch die gesellschaftliche Kraft von sozialer Verbindung (Zusammenkommen in Stadien, Austausch über die Wettkämpfe, Sportliche Leistung als Anregung, über je eigene Kompetenzen und Fähigkeiten nachdenken zu können, etc.) ist nicht wegzudenken. Davon automatisch jedoch abzuleiten, dass die Athlet:innen per se Vorbildfunktion für politische Positionierung haben, halte ich für fragwürdig.[4] Daher muss dies jeweils individuell bzw. organisational abgewägt und beantwortet werden.

 

Welche Dimensionen spielen z.B. für eine Abwägung und Entscheidungsfindung für Athlet:innen eine Rolle, zu erkennen und darüber klarer werden zu können, ob sie die sportliche Wettkampfbühne im Fokus „der Welt“ nutzen wollen/können, um sich politisch zu positionieren?

 

Beispielhafte Dimensionen der Betrachtung (Aus Athlet:innen-Perspektive)[5]:

Politisches Interesse: Ist ein:e Athlet:in grundsätzlich politisch interessiert und eventuell positioniert oder nicht – und alles dazwischen?

 

Macht: Wie frei oder unfrei ist die Meinungsäußerung im Hinblick auf entsende Herkunftsländer oder Verbände und welche wirtschaftlichen Abhängigkeiten bestehen eventuell auch von Sponsoren, welche Wettkampf, Team oder Einzelathlet:in sponsern?

Ist das Herkunftsland von Athlet:innen eine Demokratie und die Meinungsäußerung frei oder sind z.B. Repressionen (auch für Angehörige im Herkunftsland zu erwarten)? Ist durch politische Statements der Verlust von Sponsorenverträgen und damit die oder Teile der ökonomischen Basis zu fürchten? Welche Vorgaben bzw. Freiheiten geben Verbände?

 

Kapazität: Hat ein:e Athlet:in die Kapazität (Zeit, Kraft, Motivation) für öffentliche politische Positionierung zur Verfügung neben der Konzentration auf die sportliche Leistung? Z.B. gerade, wenn es wegen des biologischen Alters die vermutlich letzte Teilnahme (an z.B. nicht jährlich wiederkehrenden Wettkämpfen) und damit Möglichkeit auf sportlichen Erfolg ist?

 

Die Dimensionen sind selbstverständlich erweiterbar, wie etwa bei Macht könnte eine weitere Teil-Dimension die Frage danach sein, wie die Machtposition einer Athletin innerhalb eines Teams/Kaders ist: Wird ihr eine Vorbildfunktion zugeschrieben oder gilt sie z.B. bereits als „unangepasst“ und damit bereits „unter Beobachtung“ und damit eher nicht "mächtig"?

 

Ich möchte noch auf einige Beispiele schauen, bei denen wir zusätzlich einen kurzen Blick auf die Verbände und Organisator:innen[6] großer Wettkämpfe richten:

Bei den olypmischen Winterspielen in Italien 2026 hat die Situation des ukrainischen Skeletonfahrers Wladislaw Heraskewytsch[7]  große Wellen geschlagen. Dieser hatte auf seinem Helm Bilder von ukrainischen - im russischen Ankriegskrieg auf die Ukraine gefallenen - SoldatInnen zeigte, welche wiederum auch ProfiathletInnen gewesen waren. Den Helm hat er während seiner Fahrten getragen. Dies gilt als „während dem Wettkampf“ - laut IOC-Statuten eine politische Äußerung - welche nicht erlaubt ist. Hierfür wurde er disqualifiziert. Jetzt könnte man meinen, das ist richtig so, denn das sind die Statuten. Und: Es gäbe andere Möglichkeiten (Pressekonferenz oder sonst außerhalb der Wettkämpfe), sich zu äußern und zu positionieren – weil ansonsten eben das „Neutralitäts“gebot gilt. Hier kommen wir an einen heiklen Punkt, denn die Regeln müssten dann für alle gleich gelten. Jedoch hat das IOC russische AthletInnen nicht als Repräsentant:innen von Russland zugelassen, sondern „nur“ unter „neutraler" Flagge. Das ist eine politische Positionierung des IOC, welche auch eine vom IOC kommunizierte Antwort auf den russischen Angriffskrieg ist und damit nicht unpolitisch. „Neutral“ wird hier daher ad absurdum geführt.

Andere Beispiele: Wenn sich der Fifa-Chef Gianni Infantino beim „Friedensrat“ von US-Präsident Trump einbringt[8] oder wenn Infantino an Trump einen „Friedenspreis“ verleiht (vermutlich als „Trost“ für den von Trump gewünschten, aber nicht erhaltenden Friedensnobelpreis). An dieser Stelle wird die vermeintlich „unpolitische/neutrale“ Haltung der Verbände oder ihrer Vertreter ihrer Glaubwürdigkeit und Stabilität beraubt und die Regel ist damit keine Regel mehr.[9]

 

Zum Abschluss möchte ich einige Denkanstöße für Verbände geben, mit denen weitergedacht werden könnte, um Abhängigkeiten abzubauen und die Autonomie der Spitzensportler:innen zu fördern:

· Neben Nationalteams weitere Teammöglichkeiten schaffen (wie etwa das bestehende

  Refugee-Team). Denkbar wären z.B. Kontinente- oder Regionenteams („Team Elbe, Team Asien“, etc.), um Abhängigkeiten von Herkunftsländern und Verbänden zu durchbrechen.

Die Athlet:innen sollten zumindest zwischen einigen Teams selbst wählen können –

  damit wäre die Autonomie der Athlet:innen gestärkt.

· Klares Bekenntnis zu Menschenrechten und damit auch Ausschluss von Staaten,

  welche diese nicht einhalten.[10]

· Privates Sponsoring deckeln oder verbieten, um den Einfluss (Macht) von privaten

  und staatlichen Unternehmen zu unterbinden. Stattdessen die größere finanzielle

  Unterstützung der teilnehmenden Nationen in die Pflicht nehmen.

 

 


[1] Es ist unmöglich, endlos spitzensportliche Leistungen zu erbringen. Es gibt Zeitfenster, die haben mit Biologie und anderen Dingen zu tun. Da ist es schwer, zu entscheiden, ich mache das jetzt nicht und dafür versuche ich es in vier Jahren nochmal, denn eventuell ist dann der Körper eben nicht an der Stelle, dass er das dann ‚nochmal‘ schafft oder die Person qualifiziert sich nicht erneut oder wird nicht erneut für den Kader nominiert oder wegen anderer Gründe.

[3] Die nationalen Abordnungen halte ich aus anderen Gründen für diskussionswürdig. Wenn wir überlegen, wie und wo sich z.B. Training und Trainingsgruppen finden, ist dieses Konstrukt der nationalen Einheit nur eine Option, organisiert sich der Sport längst global. Es könnten Teams auch anders gebildet werden (wie z.B. zusätzlich zu Nationalteams Team Europa, Team Refugees, wie es bereits existiert bei Olympischen Spielen [https://www.olympics.com/ioc/refugee-olympic-team-rio-2016]), sodass auch für Athlet:innen mehr Wahlfreiheit entstehen würde, die Abhängigkeiten von Kadern, etc. würde verringert.

[4] Es gibt noch weitere Bereiche, für welche Athlet:innen meiner Beobachtung nach gerne herangezogen werden. Z.B. als Vorbilder für Wirtschaft und Politik, sobald sie erfolgreich sind. Daraus klingt ein „wenn mensch es so machen würde wie die, dann wären sie ebenfalls erfolgreich. Hierbei wird nicht nur unter den Teppich gekehrt, was es tatsächlich bedeutet = benötigt, damit derartige spitzensportliche Leistungen überhaupt möglich werden. In derartigen Vergleichen werden auch die Vorrausetzungen für die verschiedenen Systeme Spitzensport-Politik-Wirtschaft ungünstig vermischt. Siehe hierzu auch meinen Artikel: https://www.kleinschnittgercoaching.de/post/was-hat-spitzensport-mit-politik-wirtschaft-zu-tun.

[5] Die aufgeführten Dimensionen sind beispielhaft. Ihnen könnten weitere hinzugefügt werden und auch innerhalb der Dimensionen ließen sich weitere Teildimensionen finden. Um einen Eindruck zu geben, habe ich mich auf 3 Basisdimensionen beschränkt.

Dimensionen sind als jeweiliges Kontinuum zu verstehen zwischen in je zwei Richtungen driftende Optionen. Zu jeder Dimension gibt es also unendliche Verortungsmöglichkeiten und in Verbindung mit der Verortung auf jeder anderen Dimension gibt es daher unzählige Kombinationen - ein komplexes Bild. Hier wird wieder deutlich, dass es verschiedene Dimensionen zu beachten und zu überlegen gibt, die sich überlagern und dennoch zu unterscheiden sind.

[6] für welche auch Dimensionen angelegt werden könnten, die sich sicher von der Perspektive der Spitzensportler:innen unterscheiden werden.

 
 
 

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