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Was hat die Figur des Narren mit Coaching zu tun?

  • mathiskleinschnitt
  • 5. Apr.
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 10. Apr.


Wenn ich von Narr[1] spreche, beziehe ich mich auf die Form des angestellten Hofnarren im späten Mittelalter (spätestens ab dem 14. Jahrhundert). Diese Hofnarren mussten die Fähigkeit besitzen, glaubwürdig Rat und Kritik im Gewand von Dummheit, Ungeschick und Tölpelei vortragen zu können. An Fürstenhöfen hatten sie daher teilweise eine politische Funktion: Zu Zeiten absolutistischer Herrschaft die einzigen zu sein, die dem Fürsten noch die „Wahrheit“ übermittelten und ihn damit an das Geschehen in seinem Herrschaftsbe-reich anzukoppeln. Sei es, dass sie selbst als Spaßmacher oder Künstler scharfe Beobachter des Zeitgeschehens waren oder aber sich von Ratgebern und Hofleuten zur Übermittlung von Informationen oder Meinungen instrumentieren ließen und Nachdenkens Wertes dem Fürsten übermittelten. Dinge, die ein „gewöhnlicher Mensch“ wegen des Zornesrisikos sich nicht vor Publikum oder Zeugen zu sagen getraut hätte. Wenn die Meinungen und Mittei-lungen ungefällig waren, dann tat man es eben als „Narretei“ ab.  Für den christlichen west-europäischen Einflussbereich ist wichtig zu wissen, dass es im Buch der Psalmen bereits die lateinische Version „Insipiens“ gibt (wörtlich: einsichtslos, unverständig, töricht, lernunfähig, unverbesserlich). Im Psalm 53 heißt es: „Dixit insipiens in corde suo: Non est Deus“ = „Der Narr sprach in seinem Herzen: Es gibt keinen Gott“. In den deutschen Übersetzungen finden wir für Insipiens die Benennung Narr. (Luther nutzt in seiner Übertragung noch die Bezeichnung T[h]or.) Der biblische Kontext zeigt, wie die Idee des Narren in ihrem Anfang zu verstehen war. Der Insipiens ist das Gegenteil vom Sapiens (siehe auch: Homo Sapiens), dem weisen Menschen, der an späterer Stelle (Psalm 110) des gleichen Buches erwähnt wird: „res principium sapientiae timor Domini sen doctrina“ = „Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit“. Demzufolge lebe der weise Mensch in der Erkenntnis Gottes. Dem Narren fehle diese Gotteserkenntnis. Die Leugnung Gottes wäre nicht nur die größte Sünde, sondern auch die größte Torheit. Diese Einsicht sollte den Herrscher in jeder Stunde seines Lebens begleiten. So stehen sich Herrscher und Narr in geheimnisvoller Wechsel-beziehung gegenüber. Die Hofnarren sollten ursprünglich ihren Herrn nicht belustigen, sondern ihn als ernste Figur ständig daran erinnern, dass auch er der Sünde verfallen könne, und in religiöser Deutung seinem Herrn als Erinnerer an die Vergänglichkeit seines menschlichen Daseins dienen. In diesem Sinne war der Narr also eine soziale Institution zulässiger Kritik: Die Wahrheit im Scherz offen aussprechen. Das Ende der „Institution Hofnarr“ ist vermutlich im 17 Jahrhundert zu suchen[2].

Ich persönlich sehe Coaching nicht allein als Wohlfühlprogramm für Leidensdruck in beruflichen und persönlich herausfordernden Situationen, für mich ist Coaching für die/den Coachee Arbeit an Veränderung von Erkenntnis-, Denk- und Verhaltensweisen. Natürlich geht es im Bedarfsfall zunächst darum, eine:n Cochee zu stabilisieren (Ressourcen stärken, Emotionen ausbalancieren und beides nachhaltig!), jedoch ist für mich Coaching im nächsten, entscheidenden Schritt sehr viel mehr: Eine Form von Begleitung, welche Perspektiven öffnet, Verhalten, Erleben und Wissen von Klient:in (und im besten Fall auch Coach) in größere Bezugsrahmen zu setzen, um mit größerer Komplexität umgehen zu lernen, eigene Verhaltens- und Denkweisen überprüfen und verändern zu können und neugierig auf mehr zu werden. Und dazu gehört als Coach auch; Unangenehmes benennen, zu spüren, zu fragen, in den Raum zu stellen, um dies zum Ausgangspunkt der Veränderung und des Wachstums zu machen. Und hierfür kann die Narrenfigur ein dankenswertes Mittel sein. Für Coaching bedeutet das: Ein Coach kann sich der Figur des Narren annehmen und damit: Dinge benennen, welche von Klientel sonst un(bewusst) verschwiegen oder nicht gesehen werden (wollen). / Humor und Irritation einbringen / Perspektivenvielfalt eröffnen:

 · Die „Wahrheit“ (Wirklichkeitsmöglichkeiten) offen aussprechen (ggf. im Scherz).

· Eventuell die erste oder der einzige sein, die eine:r meinungsstarken und/oder

Deutungshoheit beanspruchenden Klient:in oder Gruppe andere Wirklichkeiten

entgegenbringt.

· Ggf. mit Humor - jedoch mit durchaus ernsthafter Absicht Klient:innen daran erinnern,

welche Konsequenzen ihr Verhalten haben kann und an Demut demgegenüber erinnern:

Demut für die Bedingungen anderer, Demut dem eigenen Einflussbereich gegenüber,

Demut gegenüber dem eigenen Leben und seiner Vergänglichkeit.

· Scharfe Beobachtungen des Zeitgeschehens übermitteln, um die Perspektive/n von

Klientel zu erweitern - und damit das Geschehen im Lebensumfeld eines Teams/ einer

Klientin anzukoppeln.

· Fragen stellen, welche stören oder irritieren und daher eine neue Wirksamkeit entfalten

können.

· Widersprüche sichtbar machen/aufdecken (ohne sie auflösen zu müssen).

· Sich erlauben, naive und „dumm“ wirkende Fragen zu stellen, um für „selbstverständlich“

Gehaltenes in Frage zu stellen und ggf. zu entlarven, bzw. anzuregen, neue Perspektiven

entwickeln zu können.

· Sich respektlos gegenüber Gewissheiten verhalten (um Perspektivwechsel anzuregen) und

gleichzeitig respektvoll gegenüber dem Prozess zu bleiben.

· Mit Naivität und Schalk Bewegung in festgefahrene Denkweisen bringen.

· Eigene Fehlbarkeit transparent machen, was zu Entlastung bei Klientel (und Coach selbst)

führt und Lerninteresse steigert.

 

 An dieser Stelle ein Verweis und ein Dank: Ein Kollege, welcher diese Figur in seiner Supervision einsetzt und mich in meiner Nutzung der Figur ermutigt und spiegelt, ist Raphael Fachner - er hat selbst bereits mehrfahr auf LinkeIn darüber geschrieben und ist dort auch zu finden: https://www.linkedin.com/in/raphael-fachner-93325b119.


[1] Ethymologie laut Wikipedia (11.01.2026, 11:28): Die Herkunft des deutschen Wortes Narr (mhd. narre, ahd. narro) ist nicht sicher geklärt. Der Romanist Friedrich Christian Diez hat eine Ableitung vom spätlat. Wort nārio in der Bedeutung von NasenrümpferSpötter empfohlen. Es existieren eine Reihe von Bezeichnungen, die teilweise synonym genutzt werden, aber nicht immer deckungsgleich sind: z. B.: Tor, Schalk, Schelm, Gaukler. Das betrifft auch die Begriffsgeschichte in nicht-deutschsprachigen Kulturen. Andere Autoren vermuten, dass das Wort Narbe die sprachliche Wurzel mit dem Begriff Narr teilt und somit etwas Eingeschrumpftes, Verkrüppeltes, also auch den geistig beschränkten Menschen meint. Auch verwachsene Früchte an Bäumen werden Narren genannt.

[2] Hierbei gilt das Handeln von König Louis XIV. als Zäsur: Er entließ 1661 seinen letzten „fou en titre“ (Angély), weil er die Marquise de Maintenon („Maitresse du Roi en titre“) beleidigt hatte. Daneben förderte er vor allem Molieres Komödien, von denen er insgesamt vierzehn in Auftrag gab. Er wollte mehr Unterhaltung als Kritik anhören. In der Folgezeit waren es die dem jeweiligen Herrscher nahestehenden Frauen, die sein Ohr hatten und ihm auch unliebsame Wahrheiten sagen konnten. Schließlich waren es die Ideen der Aufklärung und die sich entwickelnde kritische und satirische Presse, die die Rolle des Hofnarren als Spiegel von Gott und Teufel obsolet machten. Die Figur des Hofnarren geht geschichtlich noch viel weiter zurück: Die Ursprünge liegen bereits in der griechischen und römischen Antike. Erste Beschreibungen finden sich in Xenophons Satire Symposion: Dort gehört der Komödiant, der die Gäste nachahmt, ständig widerspricht oder sie auf andere Weise belustigt, zum Programm eines gelungenen Abends. Im Römischen Reich findet sich eine erste Form der Institutionalisierung, als beim Einzug des römischen Kaisers in Rom nach einem erfolgreichen Kriegszug ein […] Sklave direkt hinter ihm mitgeführt wurde, um ihn an die Vergänglichkeit seines Ruhmes zu erinnern, […] „Du sollst nicht hoffärtig sein, weil du auf diesem Wagen fährst, weil man dich mit Ehren überhäuft. Ich bin genauso ein Mensch wie du. Du kannst eines Tages noch gleich werden wie ich. Deshalb sieh dich vor!“ (Wikipedia: „Narr“ 11.01.2026, 11:28)

 
 
 

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