Was hat Spitzensport mit Politik & Wirtschaft zu tun?
- mathiskleinschnitt
- 12. Feb.
- 7 Min. Lesezeit

Bei sportlichen Grossereignissen geistern recht zuverlässig reflexhafte Vergleiche von erfolgreichen Athlet:innen mit vermeintlich erfolglosen Politiker:innen und Wirtschafts-unternehmen durch Medien und Social Media. Auch während der Handball-Herren-EM im Januar/Februar 2026 war es wieder so weit[1]. Und auch wenn es vordergründig Überschneidungen bei den Bedingungen geben mag, welche für den Erfolg auf der einen Seite (Spitzensport) und den vermeintlichen Misserfolg auf der anderen (Politik und Wirtschaft) zu geben scheint (Leistungsbereitschaft, Verantwortungsübernahme, etc.), unterscheiden sie sich in der Tiefe jedoch wesentlich. In den Vergleichen jedoch wird oft ein Eindruck erweckt, dass sich alle anderen einfach ein Beispiel nehmen könnten und sollten und somit Politik und Wirtschaft und Bildung und Moral usw. demnach ein Kinderspiel sei. Wenn alle das "Durchhaltevermögen", den „Zug zum Tor“, das „Hier wird durchgeackert bis zum Abpfiff“, das „Tempo statt Zaudern“, das "Einer für alle, alle für einen" umsetzten, wäre Deutschland morgen eine Supernation auf allen Ebenen. Ich halte das für schwierig und manchmal schlicht für Käse. Zumal die Vergleiche oft vieles ausblenden, was vor und um diese „erfolgreichen Momente“ herum geschah und geschieht - alles das, was nicht gut läuft/lief. Gelegentlich klingt es in den Artikeln, als ob diese Erfolgsmomente wie auf Knopfdruck abrufbar sein – für jedermensch.
Ich gehe in meinem Artikel auf die angedeuteten Vergleiche ein und lasse andere Aspekte der Frage nach Verbindungen zwischen Spitzensport zu Politik und Wirtschaft bewusst außen vor.[2]
Ich möchte zwei prominente Beispiele aus dem Leistungsturnen einbringen, welche oft als vorbildliche angeführt wurden (aus denen zu lernen sei, wie sich Einzelne trotz Widrigkeiten für Leistung und ihr Team einsetzen). Und diese mit der Frage verknüpfen, was dies in Politik oder Wirtschaft bedeuten könnte. Da ist zunächst der deutsche Geräteturner Andreas Toba, welcher bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro trotz eines Kreuzbandrisses am Knie eine Pauschenpferd-Übung absolvierte, um die Mannschaftswertung zu retten. Er turnte unter Schmerzen und mit großem persönlichem Risiko, um dem Team das Weiter-kommen ins Finale zu sichern. Diese „selbstlose“ und „harte“ Leistung wurde gefeiert. Gesundheit und mentale Belastung des Turners selbst spielten in der Rezeption so gut wie keine Rolle. Toba selbst gab übrigens zum Besten, dass es „für ihn selbstverständlich“ gewesen sei, dies zu tun[3]. Das zweite Beispiel beschreibt die amerikanische Turnerin Kerri Strug (damals 19 Jahre alt), welche dem US-Team bei den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta trotz zweier gerissener Bänder im Knöchel durch einen zweiten Sprung die Gold-medaille sicherte. Dieser Sprung wurde als „heroisch“ und „patriotisch“ gefeiert. Es ist bekannt, dass das Trainerteam massiv Druck auf sie ausgeübt hatte, diesen zweiten Sprung zu absolvieren trotz Bänderriss. Körperliche und mentale Gesundheit spielten auch in ihrem Beispiel in der öffentlichen Debatte quasi keine Rolle.
Sollen Politiker:innen und CEO’s, Bürgermeisterinnen und Mitarbeiter:innen im Zweifelsfalle trotz Krankheit, trotz Überforderung, trotz erheblichen Risiken für Leib und Seele durch-powern, sich verbrennen, sich „opfern“? Bei einem Sportevent ist nach dem Event zunächst Schluss oder zumindest Pause bis zum nächsten Event. Im politischen Geschäft und Wirtschaftsunternehmen geht der Betrieb jedoch weiter. Wer fängt Ausfälle auf? Wenn das Aufopfern zum Maßstab wird, opfern sich anschließend alle weiteren Mitarbeiter:innen der Reihe nach, bis niemand mehr übrig ist, um den Laden am Laufen zu halten? Wer hält die Komplexität demokratischer Prozesse zusammen? Wer akzeptiert Untersuchungsausschüsse und schafft die langwierige Arbeit des Interessenausgleichs zwischen mannigfaltigen Gruppierungen in einer demokratischen Gesellschaft, ohne sich kopflos zu opfern - sondern klar und geduldig den Durchblick für nötige Entscheidungen zu behalten? Aufopferungskult erscheint weder nachhaltig noch wird er den sehr viel komplexeren Bedingungen in politischem Gestaltungsgeschehen und wirtschaftlichem Management gerecht.
Zur Klarstellung: Ich liebe Sport und habe ungemein viel gelernt in Team- und Einzelsport für mein Leben. Ich war leidenschaftlicher Breiten- und Leistungssportler (u.a. Leistungs-turnen & Handball – und wurde schließlich professioneller Bühnentänzer) und bin es - soweit es mir möglich ist - noch immer. Gelernt habe ich im Sport unter anderem, mit Rückschlägen umzugehen, Verantwortung zu übernehmen und teilen zu üben, „dranzubleiben“, Auseinan-dersetzungen mit anderen zu führen, für etwas "einzustehen", u.v.m. Und viele Menschen scheinen begeisterte Zuschauerinnen von Sportwettkämpfen zu sein. Sie lieben die „Einfachheit und Klarheit“ im Sport und nehmen sich Athlet:innen durchaus auch gerne zum Vorbild.[4] Und dennoch: Zielstellungen und Verantwortlichkeiten unterscheiden sich in Spitzensport, Politik und Wirtschaft.
Der Spitzensport ist ein Teilsystem von Gesellschaft, welcher Verantwortung für jene bereithält, welche sich im System „Spitzensport“ befinden. Spitzensport kann bisweilen Vorbildfunktion und manchmal auch Ventil für Teile der Gesellschaft sein[5], keine Frage. Das ist wunderbar, wenn sich dies einlöst. Dies jedoch als sich automatisch einstellende Wirkung oder gar dem Spitzensport eingeschriebene Verantwortung für diese Wirkung zuzuschreiben, greift zu kurz. Außerdem ist die Komplexität im Spitzensport eine gänzlich andere, denn sie bezieht sich nur auf die der jeweiligen Sportart innenwohnenden Prozesse selbst[6] - und ist gegenüber Politik und Wirtschaft eher schlicht.
Politik als Teil von Gesellschaft trägt orientierende und für Recht und Ordnung sorgende Verantwortung für die gesamte Gesellschaft, für alle (!) Teil- und Subgruppen einer definierten Gesamtgesellschaft. Die mit Politik verbundenen Aufgaben und Entscheidungen sind vielfältig und höchst komplex, um diesen Subgruppen und ihren je eigenen Interessen gerecht werden zu können. Die berechtigten Erwartungshaltungen und Herausforderungen an Politik sind dementsprechend immens und wesentlich dimensionsreicher als im Spitzen-sport.
Wirtschaftsunternehmen wiederum tragen Verantwortung zunächst für den eigenen Erfolg, jedoch darüber hinaus auch als Arbeit gebende und große Hebelwirkungen erzeugende Akteure (beispielsweise durch ihren Umgang mit Ressourcen, mit Menschen, etc.) für die Gesamtgesellschaft. Im Spitzensport ist das physische Leistungspotential eine schlicht nicht zu entkoppelnde Komponente, wenn auch in verschiedenen Sportarten unterschiedlich ausgeprägt. Hier sehen wir, wie die Selektion der Menschen, welche Hochleistungssport machen (können) anders verläuft (verlaufen muss) als bei Mitarbeitenden für Wirtschafts-unternehmen. Und schauen wir nochmal auf einige Ziele und Bedingungen: Sport: Individuelle Verwirklichung, Leistung gegen Erfolg (und für die Mehrzahl nur geringfügig gegen Entlohnung[7]), notwendige körperliche Voraussetzungen, persönliches Streben nach Höchstleistungen (auch im Teamsport!), meist wird alles auf eine Karte gesetzt, um eine Chance zu haben, Zeitkorridor für Potential von Hochleistung ist begrenzt. Unternehmen: Unternehmensziele, welche primär ökonomische sind (und sein müssen) und langfristiger angelegt (werden können), Prozesssteuerung kann gezielter und langfristiger geplant werden, Mitarbeitende bringen Leistung (gegen Geld), jedoch gibt es nicht die Notwendigkeit und auch nicht die Chance, dies stetig auf Höchstleistungsnineau und „aufopfernd bis zur Verletzung“ zu erbringen, denn die Laufzeit in der Arbeitswelt, um 30 oder 40 Jahre mithalten zu können, ist eher ein „Marathon“.[8] Auch physische Leistungs-steigerung mit mentalem Skill-Training von Mitarbeitenden zu vergleichen, wäre nicht schlüssig.
Sport auf Hochleistungsniveau ist zum überwiegenden Teil einer kleinen Menge unserer Mitmenschen vorbehalten, welche bestimmte physische und mentale Voraussetzung mitbringen (müssen). Sie haben i.d.R. ein Unterstützungssystem von frühester Kindheit an genossen und bewegen sich auch sonst i.d.R. eher in einem Umfeld, welches ihnen die Konzentration auf den Sport erlaubt. Auch in diesem Punkt schließt sich ein Vergleich auf andere Menschen aus, egal ob in Politik, Wirtschaft oder wo auch immer. Bedingungen mögen ähnlich erscheinen, sind sie jedoch im Detail nicht.
Sport ist zudem nicht für alle Menschen gleichermaßen als vorbildlich anzusehen, als motivierend oder erstrebenswert (für manche war bereits der Schulsport eher eine Qual, da sportliche Betätigung nicht ihrem Wesen entsprach oder weil sie gemobbt wurden oder diejenigen waren, welche immer zuletzt für Teams „gewählt“ wurden). Sport kann für Neurodiverse oder körperlich eingeschränkte Menschen eher physische oder soziale Überforderung sein. Hier gehen Sportvergleiche als Motivationsbooster eher nach hinten los.
Vergleiche hinken übrigens auch oft bereits zwischen unterschiedlichen Sportarten, welche bisweilen als Beispiele für eine Metapher in einen Topf geschmissen werden. Hierzu verlinke ich für Interessierte einen weiteren Artikel.[9]
Lasst die AthletInnen AthletInnen sein und sich auf ihren Sport konzentrieren und gerne damit andere inspirieren. Jedoch täte ihnen eine kontinuierlichere Aufmerksamkeit und Förderung besser, als wenn sie schlaglichtartig im Falle von Erfolgen bei sportlichen Großereignissen als Positivklischees für alles und jede:n herhalten müssen, während ihre Bedingungen und Leistungen abseits der Großveranstaltungen gerne vergessen werden. Ich halte es an dieser Stelle übrigens für fragwürdig, dass die Sportverbände hierzu wenig bis keinerlei Stellung beziehen. Vermuten kann ich hier nur die erhoffte Publicity über die Vergleiche von Sport in andere Gesellschaftsteile hinein, jedoch lässt dies die Ahnung zu, dass dies wichtiger erscheint als der Schutz und das Rückgrat für ihre eigenen AthletInnen.[10]
Lasst uns die PolitikerInnen sich auf ihre komplexen Herausforderungen konzentrieren, um an einer zukunftsfähigen, gerechteren und demokratisch stabilen Gesellschaftsordnung zu arbeiten - ohne sie mit Sportvergleichen aufzuscheuchen, was ihnen wenig bei ihrer eigentlichen Arbeit hilft.
Lasst die Wirtschaftsunternehmen sich auf ihr Kerngeschäft mit den damit verbundenen Bedingungen konzentrieren und ökonomische Wertschöpfung generieren - um damit auch Ihren Beitrag für die Gesellschaft und einem nachhaltig möglichen Leben aller zu leisten.
[1] Hier exemplarisch: https://www.handelsblatt.com/meinung/kommentare/kommentar-die-handball-em-als-lehrstueck-fuer-verantwortung/100196323.html
Die Vergleiche werden auch bei den gerade laufenden olympischen Winterspielen im Februar 2026 erscheinen, sobald es satte Erfolge zu vermelden gibt.
[2] Wie z.B. Spitzensportförderung durch Politik, Spitzensport als Zugpferde für Breitensport und damit Anreize zu gesellschaftlicher Teilhabe, Bewegungsförderung (hiermit auch Aspekt von Gesundheit), usw.
[3] Was mir eröffnet, welche Mentalität im Spitzensport selbst bis heute teilweise gefördert wird – für mich mehr als fragwürdig und eine genauere Auseinandersetzung an andere Stelle würdig.
[4] https://www.dosb.de/aktuelles/news/detail/spitzensportler-sind-vorbilder-fuer-85-prozent-der-deutschen
[5] Wie etwa Vorbildfunktion, Antrieb und Motivation freisetzen oder nötige „Katharsis-Momente“ für Publikumsmassen von „Brot & Spielen“ ermöglichen - heute meist in Fußballstadien.
[6] wie z.B. verschiedene Trainingsteile - hier u.a. Technik, Kraft, Cardio, Koordination, Mental, Ausgleich, Rehabilitation – außerdem Ernährung, Physiotherapie und zudem die Koordination mit den anderen Lebensbereichen (Beruf wie z.B. bei Bundeswehr oder Polizei, Ausbildung oder Studium, Familie, Privatleben.
[7] Oft denken wir an die hochbezahlten Stars aus Fußball, Basketball, etc. Jedoch die Großzahl der Leistungssportler:innen spielt eben nicht für derartige Gagen, sondern lebt von einem Berufseinkommen neben dem Spitzensport und im besten Falle werden Trainingsbedingungen mit Sportfördersummen aufgebessert.
[8] Oder denken wir hier mal die Vorbereitung auf einen Pitch - was Höchstleistung sein mag und eventuell steht auch einiges auf dem Spiel - jedoch nicht wie für eine Spitzensportlerin, welche nur eine bestimmte Zahl von Versuchen in einem begrenzten Lebenszeitkorridor hat, um bei dementsprechenden Großveranstaltungen Erfolge verbuchen zu können. /// Interessant: Das Prozessmanagement „Scrum“ ist aus namentlich dem Rugby entlehnt (bezieht sich auf das „Gedränge“. Jedoch ist auch dies eher eine humorvoll gemeinte, jedoch nicht unbedingt hilfreiche Metapher, denn die Steuerung von Hochleistungs-sport (Trainingsplanung, Erholung, Physio, etc.) verläuft aufgrund der physischen Komponente (Körperliche und seelische Verfassung, Verletzungen, Spiel- und Wettkampfpläne) individueller als es in Unternehmensabteilungen/-teams möglich ist.
[9] https://www.linkedin.com/pulse/die-sportmetapher-als-motivator-michael-schenkel-tw0lf?utm_source=share&utm_medium=member_android&utm_campaign=share_via
[10] Eine positive Stimme möchte ich an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen, die von Gold Spirit. (https://www.goldspirit.de). Gold Spirit hat sich ganz der Gesundheit und dem vollumfänglichen Wohlergehen von Athlet:innen und allen anderen Akteur:innen im Leistungssport verschrieben.




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